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Sunday, September 13, 2015

Ratatat: Magnifique (Albumkritik)

 

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Ratatat: Magnifique (Because)

Gitarrist Mike Stroud und Produzent Evan Mast sind praktisch zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Das Duo, das auf Synthesizer und improvisierte Gitarrenlinien setzt, ließ die sparsamen Elemente des 2010 erschienenen Werks LP4 hinter sich und verstärkt auf diesem fünften Studioalbum seine dahinjagende Energie, wobei auch reichlich Lärm gemacht wird. Diese Nachricht sollte alle Fans erfreuen, die die letzten fünf Jahre auf die Rückkehr der „vintage“ Version von Ratatat gewartet haben. Die beiden Musiker tauchten erstmals 2004 mit einem gänzlich unheiligen und aufregenden Mischmasch von Hip-Hop-Produktion, kreischender Gitarre und blubbernden Synthesizern. Sie klingen noch immer wie ein Solo von Jimmy Page oder Brian May , das man mit einem musikalischen Zwischenspiel aus einem Spiel von Nintendo kombiniert hat: verspielt und absichtlich die wichtigen Trends der Popmusik und der elektronischen Musik des Jahres 2015 ignorierend. Die Single „Cream on Chrome“ schwebt in einen überschäumenden Groove hinein, während „Nightclub Amnesia“ zu Beginn knietief in krachenden Gitarren watet, ehe der Song mehr an Justice circa 2007 erinnert. Magnifique hat gewisse Längen, was oft der Fall ist, wenn Instrumentalnummern auf der Basis sich wiederholender Versatzstücke aufgebaut sind, aber es beweist die Hingabe der Band an den für sie typischen schrulligen Stil.

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The Chemical Brothers: Born in the Echoes (Albumkritik)

 

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The Chemical Brothers: Born in the Echoes (EMI)

Das Dance-Duo verlängert mit seinem neuen Album die mittlerweile ein Jahrzehnt andauernde Verwässerung des eigenen Kanons. Das neue Werk ist technisch brillant wie immer, doch kreativ erschöpft. Vielleicht weil sie versuchten, die grobe Steigerung-Abfall-Steigerung-Formel von EDM und Trap zu vermeiden, schwanken Tracks wie „Under Neon Lights“ (mit einer sträflich unterforderten St Vincent) schwach irgendwo in der Mitte herum. Andere Produzenten, etwa Barnt und Jon Hopkins, werden kopiert und alte Tricks wiederverwendet, darunter ein Gastauftritt von Q-Tip und ein weiteres Beinahe-Remake von „Tomorrow Never Knows“ (wenn auch ohne Noel Gallaghers Songwriting). Texte waren nie die Stärke der Chems, doch die albernen Mantras von früher sind zu vollkommener Dummheit verkümmert. Nur „EML Ritual“ und „Wide Open“, eine Zusammenarbeit mit Beck, kommen an frühere Meisterwerke heran, auch wenn ersterer Song im Grunde nur eine harmlosere Version des Karrierehöhepunkts „Electronic Battle Weapon 7“ ist. Das Ganze ist sehr solide und gut gemacht, so wie die Ford Mondeos, in denen diese Musik überwiegend gehört werden wird.

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Jenny Hval: Apocalypse, Girl (Albumkritik)

 

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Jenny Hval: Apocalypse, Girl (Sacred Bones)

Die norwegische Künstlerin Jenny Hval präsentiert, ähnlich wie Björk und FKA Twigs, eine Version weiblicher Sexualität, bei der fleischliche Gelüste, Ängste und die weibliche/männliche Perspektive oft verknüpft werden. Ihr 2013 erschienenes, von John Parish produziertes Album Innocence Is Kinky übersetzte Theorien über Identität und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in streitlustigen Art-Pop. Dass sie gerne Pornos ansieht, war da nur der Anfang. Der Nachfolger hat ebenfalls das Zeug dazu, den Hörer tagelang zu beschäftigen. Das Album befasst sich mit vielen derselben Ideen, die mit Hilfe einer erotischen futuristischen Klanglandschaft vorgebracht werden, die sich aus gesprochenen Texten, verzerrtem Chorgesang, Sci-Fi-Elektronik und ihrem typisch flaumweichen Gesang zusammensetzt, der von verletzlich in kraftvoll umschlägt, wenn sie Phrasen wie “soft-dick rock” und “capitalist clits” zum Besten gibt. „Take Care of Yourself“ listet Stereotype auf, die durch sexuellen Konsumismus (“shaving in all the right places”) aufrechterhalten werden; im fast meditativen „The Battle Is Over“ stellt sie sich eine Zukunft vor, in der “feminism is over”, wobei ihre Prosa über dezentem Orgel-Pop dahinfließt; und „Sabbath“ könnte tagsüber auf jedem Popsender laufen, käme darin nicht so oft und geradezu triumphal das Wort “cunt” vor. Das Album ist provokant, aber dies sind Ideen, die man im Pop kaum zu hören bekommt, wodurch es noch verlockender wird.

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Giorgio Moroder: Deja-vu (Albumkritik)

 

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Giorgio Moroder: Deja-vu (Sony)

Hätten Sie im Alleingang die Richtung der elektronischen Musik verändert hätten, würden Sie sich vermutlich ebenfalls eine längere Auszeit gönnen. Deja-vu ist Giorgio Moroders erstes Soloalbum seit einer Zusammenarbeit mit Phil Oakey im Jahre 1985. Seit damals hat er “a lot of golf” gespielt, während der Sound, dessen Vorreiter er war, nach und nach fast den gesamten modernen Pop beeinflusste und zeitweise beherrschte. Die Liste der musikalischen Gäste auf diesem Comeback – die Zusammenarbeit mit Daft Punk im Jahr 2013 spornte ihn dazu an – führt uns deutlich vor Augen, welchen Status er unter den Kollegen hat: Sia, Charli XCX, Kylie und Britney fanden sich vor dem Mikrophon ein. Man darf sich von Moroder, der vor kurzem 75 wurde, vermutlich nicht mehr erwarten, den Pop ein weiteres Mal neu zu erfinden. Einige Momente hier sind unverkennbar „vintage Moroder“, etwa das eisige Synthesizer-Intro zu „Back & Forth“, in dem eine durch den Vocoder gejagte Kelis zu hören ist. Doch für jeden anständigen Refrain gibt es auch einen Moment, in dem Moroder Opfer seines enormen Einflusses wird, und Songs wie „Don’t Let Go“ und „Tempted“ wirken wie typischer Chart-Pop, wie man ihn zur Genüge gehört hat – vermutlich nicht die Art von Déjà-vu, auf die er aus war.

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RP Boo: Fingers, Bank Pads and Shoe Prints (Albumkritik)

 

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RP Boo: Fingers, Bank Pads and Shoe Prints (Planet Mu)

Footwork ist eine halsbrecherisch schnelle Mutation von Ghetto House, die seit Ende der 90-er mit mehr als 150 BPM aus Lautsprechern dröhnt. In Chicago ermuntert diese Musik viele Leute zu dem ganz bestimmten Tanzstil, der denselben Namen wie sie trägt: an den Twist erinnernde Beinbewegungen, die irgendwo zwischen House Dance und Breakdance anzusiedeln sind. Für die tänzerisch Untalentierten bedeutet dies wildes Klopfen mit dem Fuß zu dieser rasanten, je hektischen Mischung aus Presslufthammer-Gesang-Samples und dahinjagenden, pochenden Lo-Fi-Drummaschinen. Dieses Genre gewinnt schon seit geraumer Zeit an Popularität, aber es ist bemerkenswert, dass es gerade seine Vorläufer sind, die sich bemühen, etwas weiterzubringen; deshalb ist das zweite Album von Footwork-Begründer RP Boo sowohl eine Einführung ins Genre aund seinen Sound als auch ein Schnappschuss aktueller Entwicklungen. „Suicide“ ist ein am Rande des Techno wandelnder Kracher, wie ihn der aus Detroit stammende DJ Kevin Saunderson um 7 Uhr früh spielen würde. „Let’s Dance Again“ wartet mit Echos von vagem R&B unter den knisternden Drums auf, während auf „Sleepy“ Bläser erklingen, die Hudson Mohawke gefallen würden. Und, was für einen Produzenten typisch ist, der Musik „for battling“ macht, hier wird Großtuerei spürbar, wie man sie von erfolgreichen Gangster-Rappern kennt.

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Sarah Cracknell: Red Kite (Albumkritik)

 

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Sarah Cracknell: Red Kite (Cherry Red)

Die nervöse Energie der Zeit unmittelbar nach der Party war auf Sarah Cracknells 1997 erschienenem Debütalbum Lipslide allgegenwärtig – aber auf ihrem zweiten Album flüchtet die Saint Etienne Sängerin vom Club aufs Land. Die idyllischen akustischen Balladen auf diesem von Carwyn Ellis und Seb Lewsley, den Produzenten von Edwyn Collins, produzierten Werk sind intim und unschuldig: „In the Dark“ bezieht sich auf die schüchterne Einsamkeit eines Nick Drake oder Colin Blunstone und im Text spukt der närrische Kummer der Girl Groups der 1960-er herum. Untreue und Betrug sind allgegenwärtig, etwa auf „Hearts Are for Breaking“ (“You only wanted him because he only wanted me”) oder der rauchigen Eröffnungsnummer „On the Swings“ (“She’s never going to stay in your arms / She’s only around for a while and then she’s gone”), während „It’s Never Too Late“ und „Underneath the Stars“ an die schicke Schrulligkeit von Belle and Sebastian oder Stereolab erinnern. Im Zentrum steht immer Cracknells leichter, eleganter Gesang; ein schwereloses Mysterium mit schwerem Herzen.

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